Schon vor einigen Wochen habe ich über Facebook (welch unerschöpfliche Quelle…) gewaschenes Texelschaf geschenkt bekommen. Dieses Wochenende nun hatte ich endlich Zeit, mich diesem gebührend zu widmen…


Ein Blick in das kürzlich erworbene „The Fleece an Fiber Sourcebook“ (absolut empfehlenswertes Buch!) brachte folgendes zu dieser Rasse zutage:
Das Texelschaf ist nach der niederländischen Insel Texel benannt, auf welcher es in der Mitte des 18. Jh. aus einer Kreuzung aus Lincoln- und Leicester Longwool- Schafen entstand. Ziel der Kreuzung war es, ein hochwertiges Fleischschaf zu züchten. Als übliche Mikronwerte werden 27-28 angegeben. (eigene Übersetzung, im Buch steht noch deutlich mehr 😉 )

Tatsächlich war ich positiv angetan von der Wolle (und dem Fakt, dass sie sogar schon gewaschen war…). Die Länge der Fasern von etwa 8 cm inspirierte mich dazu, mal eine andere Verarbeitungsmethode auszuprobieren. Dazu ein kurzer Ausflug:
Bevor die Wolle versponnen werden kann, muss sie (meistens, es gibt immer und zu allem Ausnahmen, is klar…) zuvor aufgelockert werden, vor allem wenn das Ergebnis ein eher dünner Faden sein soll. Dafür gibt es, grob gesprochen, zwei Methoden. Das Kämmen (links) und das Kardieren (rechts).

Beim Kardieren benutzt man üblicherweise zwei Handkarden, die gegeneinander gebürstet werden. Das Ergebnis ist ein Vlies, bei dem die Fasern zwar luftig, aber wild kreuz und quer liegen. Beim Kämmen hingegen liegen die Fasern nachher alle in eine Richtung. Garne aus gekämmten Fasern sind in ihrer Struktur glatter, kardierte Garne, auch Streichgarne genannt, sehen „aufgeplatzer“ aus. Sie schließen aber auch mehr Luft ein und haben dadurch bessere Wärme-Eigenschaften. Soweit die Literatur dazu… 😀
Mir persönlich gefallen Kammgarne optisch besser, weshalb ich immer bestrebt bin, die Fasern vor dem Spinnen alle eher in dieselbe Richtung auszurichten. Auch aus diesem Grund bin ich wohl mit meinen Handkarden bisher nicht so recht warm geworden… Dauert meiner Meinung nach länger als kämmen und das Ergebnis ist nicht halb so schön… Nunja…
Im Www stolperte ich nun aber immer wieder über den englischen Begriff „flick-carding“ und konnte den nicht recht zuordnen. Bis ich das oben schon erwähnte Buch erwarb. Dort wird es als eine Methode beschrieben, Wolllocken aufzulockern. Dazu werden die einzelnen Flocken erst vom einen, dann vom anderen Ende her über ein Handkarde gezogen, um sie so aufzulockern. Die Fasern bleiben bei dieser Methode alle in der gleichen Richtung liegen, da man sie ja nicht wild durchbürstet… Das klang doch vielversprechend! Also ran ans Werk:

Eine erste Locke ausgewählt und an den Spitzen festgehalten. Zuerst habe ich die Schnittkante geflickkardet (keine Ahnung, ob der Begriff so korrekt ist…), damit mögliche Verschnittreste – also kurze Stücke vom Scheren – gleich in der Karde bleiben und nicht in die schönen langen Haare eingearbeitet werden…

Nachdem dieser Teil ausreichend aufgeflufft war, drehte ich die Locke um und bearbeitete die Spitzen:

Alles, was in der Karde hängen blieb, landete im Müll… Ganz nebenbei rieselte auch noch so ziemlich alles an Dreck aus den Locken, was sich dort trotz des Waschens noch festgeklammert hatte:

Während dieser meditativen Arbeit kam mir der gestern schon erwähnte Gedanke in den Sinn, mit dieser Wolle doch mal meine ersten Gehversuche mit dem Spinnrocken zu starten. Diese Aufbereitungsmethode schien mir dafür wie geschaffen, hat man nach dem Flickkarden doch lauter einzelne Flocken zum Spinnen…
Einen Kammzug so auseinander zu rupfen, wie von Katja beschrieben, tut mir doch irgendwie „weh“, lässt sich aus diesem doch so schön hintereinanderweg spinnen… Die einzelnen Flocken müssten jedoch immer neu angesetzt werden (zum Verdeutlichen des Unterschieds mal rechts das Bild eines industriell produzierten Kammzuges neben meinen geflickkardeten Texel-Flocken). Da erscheint das Bündeln durch einen Rocken doch ganz sinnvoll:

Ganu wie empfohlen rollte ich das Ganze ohne viel Spannung auf und steckte es mit einer Nadel fest. Der erste Eindruck: Hält! Und sah irgendwie auch recht ähnlich aus wie auf so manchem Bildnis schon gesehen… Und was soll ich sagen: Entgegen meinen Erwartungen lief auch das Spinnen wie am Schnürchen… 😮
Eine Umstellung ist es allerdings, da der Faservorrat jetzt auf einmal „von oben“ kommt, statt wie sonst „von unten“. Und gleichmäßig ist es schon garnicht geworden… 😀

Je nach dem, wie man nun den Faden am Rocken entlangführt, lässt sich so der Faservorrat prima abspinnen:

Einen kleinen letzten Rest hab ich dann aus der Hand zu Ende gesponnen:

Mit dem Ergebnis bin ich halbwegs zufrieden.

Zum Vergleich spann ich direkt danach noch eine Spule direkt aus der Flocke, beide Fäden habe ich jeweils  Navajo-verzwirnt. Eine Methode, bei der der Faden dreifach mit sich selbst gezwirnt wird.

Hier noch ein Bild zum Vergleichen der verschiedenen Verarbeitungsmethoden:

Links der Strang vom Rocken, in der Mitte ein Strang versponnen aus einem Kammzug und rechts aus der Flocke. Man sieht, welche Methoden mir besser von der Hand laufen… 😉

Mein Fazit:
Das Spinnen vom Rocken macht defintiv auch jede Menge Spaß, ist für mich aber eine neue Herausforderung, die noch einiges an Übung benötigt, um einen stricktauglichen Faden zu produzieren… 😀 Mein nächster Versuch wird dahin gehen, dass ich die Wolle nicht in so vielen, durch den Leinenstreifen getrennten Schichten auf den Rocken wickeln werde. Es leuchtet mir nicht recht ein, warum das nötig sein sollte. Gerade für die letzten Reste der Flocken dürfte es tauglicher sein, nicht so viele Leinenschichten dazwischen zu haben. So muss ich den Vorrat dann zwar vermutlich immer mal wieder „nachspannen“… aber: Versuch macht kluch…

Klug war sicher auch, für den Einstieg ins Spinnen mit dem Rocken eine eher griffige Faser zu benutzen. Eine Faser wie Merino hätte mir vermutlich mehr graue Haare wachsen lassen, da die Fasern so schön flutschen… 😀 Dafür muss ich das Handling mit dem Ausziehen aus dem Rocken erstmal noch besser beherrschen…

Übung macht bekanntlich den Meister