Im Frühjahr hatte ich das Glück, über Facebook ein ganz außergewöhnliches Vlies vom Böhmerwaldschaf zu ergattern. Das Böhmerwaldschaf ist eine alte und gefährdete Rasse, eher klein bis mittelgroß und vorwiegend weiß. Wobei schwarze, braune oder gescheckte Schafe auch vorkommen. „Die Mischwolle der Waldschafe ist eine der rassespezifischen Merkmale. Sie hat sich durch die jahrhundertelange Anpassung der Rasse an die rauen Lagen der Mittelgebirgsregionen entwickelt. Die Wolle besteht aus dem eher groben Kurzhaar, dem Lang- oder Grannenhaar und den sehr feinen Wollfasern die den Hauptanteil bilden.“ (Quelle)

Dieses Vlies nun sprach mich sofort an. So schöner Crimp (Wellen / Locken, die ein Indiz für gute Elastizität sind). Und so schöne goldgelbe Farbe… dachte ich in meiner Anfänger-Ahnungslosigkeit… 😀

Das Vlies wog rund 2 kg, als es bei mir ankam. Es war offenbar ein komplettes Vlies, vermutlich von einem Lamm. Genau wusste die Besitzerin leider nicht, von welchem ihrer Schafe es kam. Normalerweise verkauft sie die Vliese wohl auch nicht an Handspinner, da die Wolle eher von der groben Sorte ist. Dieses Vlies fiel aber dem Schafscherer in die Augen und er sagte, es wäre zu schade, um es als Dämmwolle o. ä. zu verschleudern. Also bot sie es auf Facebook an. Und sagte auch gleich: Außergewöhnlich, nicht rassetypisch. Ihre anderen Schafe hätten bei weitem nicht so viel Crimp.

Es war auch die sehr verdreckte Bauchpartie mit bei und mir kam recht bald die Frage, wie viel Wolle ich wohl aus diesen 2 kg am Ende versponnen haben würde.

In diversen Facebook-Gruppen erhielt ich einige aufschlussreiche Antworten, die grob von durchschnittlich 60 % Ausbeute sprachen. 80 % wären dann eher „glückliche Vliese“. Es könnten aber auch mal nur 40 % sein. Die Frage ist immer: Wie viel Arbeit steckt man rein… Ok, keine Überraschung…

Wie man oben gut sieht, hängen häufig viele Pflanzenreste im Vlies, die natürlich aussortiert werden. Und dann das Lanolin: Auch das hat einiges an Gewicht und wird beim Waschen (zum Teil) ausgespült.

Na gut, ran an die Arbeit. Ich habe das Vlies mit der Schnittkante nach unten ausgebreitet und mich dann von den Außenkanten nach innen vorgearbeitet. Immer schön einzelne Locken abgezupft, grobe Planzenteile aussortiert und geordnet zur Seite gelegt:

Die einzelnen Locken habe ich dann in Waschnetze getan und portionsweise mit Unicorn Fibre Wash gewaschen. Für Power Score erschien es mir dann doch nicht verdreckt genug, zumal ich gern einen gewissen Rest an Lanolin in der Wolle erhalten wollte:

20 Minuten einweichen, keine Bewegung, ich wollt’s ja nicht verfilzen lassen. Die recht arg verklebten Spitzen bekam ich so natürlich nicht sauber. Vom Texelschaf hatte ich aber schon im Hinterkopf, dass ich das mit der Handkarde bearbeiten kann.

Nach dem ersten Waschgang kam dann die erste Erkenntnis: Die Wolle ist garnicht goldgelb, sondern eher wollweiß… 😀 Nagut. Hier ein Vergleichsbild gewaschene und ungewaschene Wolle:

Auch der Crimp wurde etwas weniger, aber es „leierte“ nicht völlig aus. So zupfte und wusch ich mich mehrere Wochen immer an den freien Wochenenden durch das Vlies. Da wir aber auch immer wieder unterwegs waren, dauerte das erschreckend lange… Irgendwann gab’s dann mal wieder ein Wochenende mit „sturmfreier Bude“ und ich machte mich an die Verarbeitung der gewaschenen Locken… Ein gutes Hörbuch auf den Ohren („Nordische Mythen und Sagen“ von Neil Gaiman, war irgendwie sehr passend… 😀 ) kam ich an dem Wochenende sehr gut voran.
Die Spitzen wie gesagt mit der Handkarde ersteinmal aufgelockert, zu meinen Füßen eine Kiste für den reichlich rausrieselnden Dreck und die Faser-Dreck-Klumpen, die in der Karde hängen bleiben:

So ging der Dreck gut raus und die Spitzen ließen sich gut „öffnen“:

Die Schnittkante habe ich nicht kardiert. An der Locke unten sieht man aber sehr schön, dass das Vlies durchaus unterschieldiche Qualitäten hatte. Hier eine Locke mit deutlich weniger Crimp, dafür recht „dicken“ Fasern:

Die Locken habe ich dann auf meine Kämme gelegt und zu wunderbar wolkigen Kammzügen verarbeitet. Vor dem Kämmen habe ich noch ein wenig Öl-Wasser-Gemisch aufgesprüht (Olivenöl in Wasser mit ein paar Tropfen Spüli). Das erleichtert das Kämmen und reduziert die elektrische Aufladung der Fasern. Ich habe 4-5 Durchgänge gekämmt. Meine Erkenntnis hieraus: Je häufiger ich von einem auf den anderen Kamm kämmte, desto leichter ließ sich der Kammzug dann ziehen. Auch keine große Überraschung, aber trotzdem lehrreich:

An diesem Wochenende habe ich natürlich nicht alles geschafft und es vergingen weitere Wochen… Zwischendrin habe ich aber immer mal wieder gesponnen. Als die ersten 3 Spulen voll waren, habe ich die Wolle 3-fach gezwirnt. Die ersten 3 fertigen Stränge:

Weitere Wochen später, bereits aus dem Entspannungsbad raus und die jeweilige Länge bestimmt:

Doch bevor ich mein Ausbeute-Fazit berechnete, wollte ich erst noch die 2. Wahl verarbeitet haben. Die 2. Wahl war die Wolle, die ich beim Kämmen zur Seite gelegt hatte. In den Kämmen bleibt doch recht ordentlich was hängen und ich hatte gelesen, dass viele diese Wolle aufheben, kardieren und dann ebenfalls verspinnen. Natürlich wird diese Wolle nie so gut, wie die gekämmte Wolle, beinhaltet sie doch die kurzen, verknoteten und mit winzigsten Pflanzenteilen durchsetzten Fasern. Ich wollte aber wissen, welche Qualität ich dort noch raus bekommen würde. Patrick hatte mir schon im letzten Winter einen kleinen Wollwolf gebaut und mittlerweile war auch die Trommelkarde fertig:

Mit dem Wolf habe ich die recht verdichteten „Wollklumpen“ ersteinmal aufgelockert:

Dabei rieselte nochmal einiges an Dreck raus, aber leider nicht alles. Es war klar, dass das eher „tweedige“ Wolle werden würde:

Auch hier habe ich 4-5 Druchgänge gekurbelt. Leider habe ich die fertigen Batts nicht fotografiert… war dann wohl zu ungeduldig und wollte ans Spinnrad. 😀

Das Spinnen zeigte mir dann recht schnell: Diese Wolle ist nicht meins… Dass ich Kammzüge lieber verspinne als kardierte Fasern wusste ich ja schon. Es war also nur noch eine Bestätigung. Auch die fertige Wolle ist nicht mein Fall. Hier mal ein Vergleich zweier Knäule, das linke aus den Kammzügen, das rechte aus den kardierten Resten:

Nun zur Ausbeute:
Aus den rund 2 kg Böhmerwaldschaf habe ich 455 gr Wolle 1. Qualität rausarbeiten können. Die 455 gr habe ich zu 1.269 m 3-fach-Wolle versponnen. Das dürfte gerade so für eine Strickjacke reichen (hoffe ich… 😀 )

Hinzu kommen 198 gr Wolle 2. Qualität, die ich zu 398 m 3-fach-Wolle versponnen habe. Diese werde ich vermutlich verweben und ordentlich walken. Mal sehen, wie viele qm Stoff ich dort rausbekomme. Das reicht dann vielleicht für einen Stoffbeutel… 🙂

Mein Fazit:
Da ich keinen Woll-Mangel habe und es ja nur ein Hobby ist, das mir Spaß machen soll, werde ich die Ausbeute künftig nicht mehr zwangsläufig so auswalzen. Ich verarbeite lieber möglichst gleichmäßige Wolle. Artyarn und ähnliches ist nicht so mein Fall. Das heißt, die Reste, die in den Kämmen hängen bleiben, enden künftig eher als Stopfwolle denn als Spinnwolle…

Das Böhmerwaldschaf hat mich ingesamt aber sehr begeistert. Es ist keine Schal-Wolle, aber für Jacken, Pullover, Handwärmer und ähnliches ist sie aber gut geeignet. Für Socken fände ich sie zu schade…

Hier noch ein Vergleichsbild. Die Schafhalterin hatte mir noch eine Locke eines anderen Böhmerwaldschafes beigelegt (links), die die Standardqualität der Wolle zeigt. Man erkennt es nicht ganz so gut auf dem Bild, aber die Fasern sind etwas dicker als bei der weißen Wolle. Rechts neben meinem weißen Böhmerwaldschaf liegt noch ein Kammzug Alpakawolle, die ich derzeit verarbeite und die traumhaft weich ist. Hier ist der Unterschied der Faserdicke deutlicher zu erkennen. Nichtsdestotrotz ist der Unterschied nicht so groß, wie ich es nach meinen ersten Recherchen zum Böhmerwaldschaf erwartet hätte:

Jetzt muss ich noch ausknobeln, welche Jacke es werden soll und welche Farbe sie bekommen wird… Das Ergebnis werde ich dann zeigen… dauert aber sicher noch ein Weilchen. 😉