… oder genauer, sie Dich anschreit: NIMM MICH!

So geschehen dieses Jahr im März.
Angesichts meiner nicht gerade… unwesentlichen Wollvorräte nehme ich mir regelmäßig vor, keine Wolle mehr zu kaufen. Ich habe deshalb auch schon einige Gruppen auf Facebook verlassen, um nicht weiter in Versuchung zu geraten. Doch es gibt Gruppen, die kann ich nicht verlassen, weil dort so viel Wissenswertes kursiert und die Gruppenmitglieder tatsächlich absolut respektvoll miteinander und mit den Kreationen, Versuchen und Fehlschlägen der einzelnen Mitglieder umgehen, dass es ein echter Verlust wäre, die Gruppe auszublenden. So auch die Gruppe „Schaf > Rohwolle > Garn > Kleidung: Gruppe für Allesselbstmacher“ . Und dort kam es über mich: Das Rhönschaf-Vlies von Frieder.

Was für ein Farbspektrum! Ich weiß ja schon länger, dass mich die Farben, welche die Natur hervorbringt, am allermeisten faszinieren. Besonders Grautöne haben es mir angetan.

Und dann sah ich dieses Foto und die Wolle schrie und brüllte nach mir: „Nimm mich! Nimm mich!“. Ich wehrte mich noch ein paar Stunden, doch irgendwann WOLLTE ich mich auch nicht mehr wehren und schlug zu. Keine 2 Tage später lag die Wolle auf meinem Tisch. Nach einem ersten groben Vorsortieren wusste ich dann: Etwa 1,3 kg Wolle hatte ich zur Verfügung. „Das wird eng“, war mein erster Gedanke. Nach dem Waschen und Kämmen würde wahrscheinlich nicht mal die Hälfte übrig sein… na was soll’s. Ran an den Speck.

Ich zupfte mir direkt aus dem Vlies ein paar schöne halbwegs saubere Locken raus und legte direkt los mit dem Kämmen. Das erste mal ungewaschene deutsche Schafwolle. Aber ich musste einfach sehen, wie dieses Farbspektrum im Faden aussieht. Eine Erkenntnis daraus: Wolle „im Fett“ kämmen kostet richtig viel Kraft. Ebenso dann das Ausziehen zum Faden. Das Wollfett wirkt hier kräftig als „Kleber“… Den fertigen Faden habe ich dann kettgezwirnt (Navajo-gezwirnt, ein weiterer Begriff für die selbe Technik, bei der man den Faden mit sich selbst verzwirnt durch Schlaufenbildung. Der Faden ist dann 3fach-gezwirnt). Nach dem obligatorischen Entspannungsbad für den fertigen Faden habe ich direkt eine Maschenprobe gestrickt.

Die Farben im Foto einzufangen ist eine echte Herausforderung, aber als ich die Maschenprobe fertig hatte, wusste ich, dass diese Wolle zusammen mit dem Böhmerwaldschaf meine neue Jacke werden möchte. Eine Jacke, die mir schon länger vorschwebte. Orientiert an einem Muster von Valérie Miller namens Fileuse. Dieser Pullover spiegelt für mich die Leidenschaft für die Wollverarbeitung, das einzige, was hier noch fehlt, sind ein paar Schafe im unteren Saum… die werde ich dann ergänzen. 🙂

Aber, eines nach dem anderen. Zuerst einmal wollte das Vlies zu einem Faden werden… Die Fasern des sog. grauen Rhönschafes (nach meinen bisherigen Recherchen sind Rhönschafe nach Herdbuch wohl weiß, zu grauen Rhönschafen habe ich bisher keinen (web-)Eintrag gefunden…) sind eher mittelfein, also über 30 Micron. Das heißt, die Wolle ist gut solide und reibt sich nicht gleich durch. Das Vlies hing insgesamt sehr gut zusammen, ohne verfilzt zu sein, weshalb ich kurzerhand entschied, es in mehrere Abschnitte zu zerteilen, in Wäschesäcke zu stopfen und einmal mit dem Waschmittel meiner Wahl durchzuwaschen. Durch die recht geringe Menge konnte ich bei den Fasern nicht sehr wählerisch sein, obgleich einige Stellen dabei waren, die ich am liebsten noch aussortiert hätte. Aber: Durchmischung ist alles, so fallen die paar weniger guten Fasern nicht allzusehr ins Gewicht… Nach dieser ersten Wäsche, die einen Teil des Schmutzes entfernte, wurde fleißig gezupft. Das heißt, einzelne Locken aus dem Vliesstück raustrennen und in einer Box sammeln:

Die sehr hellen, ausgebleichten Spitzen würden wahrscheinlich beim Öffnen mit der Karde zum Teil abbrechen. Die waren sehr trocken. An einigen Stellen waren sie auch sehr mit Lehm verklebt. Ansonsten war das Vlies aber wunderbar sauber. Sehr wenige Pflanzenteile, lediglich ein paar Klettenköpfe, die sich gut entfernen ließen, ein paar Brombeer-Ästchen… alles was sich halt so an einem Schaf festhält, wenn es durch Wald und Flur stapft. Aber nicht diese fiesen kleinen Pflanzenteile an denen man beim Kämmen und Spinnen wahnsinnig werden kann. Und der Farbverlauf der Locken stimmte mich ohnehin jedes Mal euphorisch, wenn ich sie betrachtete.

Dann vergingen jedoch einige Wochen, in denen ich keine Zeit hatte zur weiteren Verarbeitung. Im April aber hatte ich endlich mal wieder ein Wochenende zur Verfügung und ich richtete mich ein:

Die Vorgehensweise habe ich ja schon beschrieben: Locke mit der Karde in den Spitzen öffnen, mit der Schnittseite auf den Kamm stecken bis dieser zur halben Nagellänge voll ist, dann mit einem Öl-Wasser-Gemisch einnebeln, kämmen, zum Kammzug ziehen. Die folgenden Bilder sprechen für sich und sind Ausdruck meiner Freude an den Farben:

Der Farbverlauf in den Locken.

Vergleich Schnittkante vs. Spitze.

Nach den ersten Zügen mit dem Kamm: Die Spitzen…

…und die Schnittseite.

Der Kammzug… ein Traum!

Eine Box voller Woll-Wolken. 😀 Unten im Bild sieht man sehr schön (wie ich finde), wie unterschiedlich die Fasern eines Vlieses doch sind… Dieser Kammzug ist aus den Fasern, die ich lieber aussortiert hätte für mein Jackenprojekt. Davon gab es am Ende vielleicht 10 Stück? Die habe ich dann gründlich auf die verschiedenen Spulen verteilt beim Spinnen… In der Hoffnung, dass die Fasern dann insgesamt nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Natürlich habe ich das alles nicht an diesem einen April-Wochenende geschafft. Im Juni hatte ich 2 Wochen Urlaub, die ich dann teilweise auch dafür genutzt habe.

Das Vlies hatte, wie ich bald feststellte, leider recht viele Grannenhaare mit drin. Das sind Haare, die deutlich dicker und zugleich kürzer als die eigentlichen Fasern sind, aus der gesponnenen Wolle rausstehen, weil sie sich nicht so ohne weiteres in den Drall fügen, und für ein kratziges Gefühl sorgen. Erst bei meiner zweiten Kämm-Session kam ich auf die schlaue Idee, nicht nur die Spitzen mit der Karde zu öffnen, sondern auch die Schnittseite vor dem Kämmen über die Karde zu ziehen… ein Punkt, über den ich mich sehr ärgere, denn ich stellte fest, dass ich so die Grannen deutlich effizienter entfernen und zugleich den Ausschuss signifikant verringern konnte… nunja… Frau lernt nie aus…

Nachdem alle Fasern in diesen wundervollen Wolken vorlagen, ging es ans Spinnen. Ich habe absichtlich erst mit dem Spinnen begonnen, nachdem alle Fasern fertig gekämmt waren. Beim Böhmerwaldschaf hatte ich ja gesehen, dass sich sonst durch die großen Zeiträume dazwischen und weil ich noch weit entfernt bin von Perfektion, die fertigen Garne zu sehr in der Garnstärke unterscheiden… Immer wenn ich 3 Spulen voll hatte, wurde verzwirnt, da mir 3fach gezwirntes Garn optisch besser gefällt als 2fach gezwirntes. Das Garn wird runder und es verbirgt Faden-Dicken-Unterschiede besser… 😉

Nun das Ergebnis:

Wie ich es schon ahnte, sind das „nur noch“ 507 g. Aber stolze 1.520 m. Damit befinde ich mich in meiner Strick-Komfortzone von 3-4 mm Nadelstärke. Gemeinsam mit dem Böhmerwaldschaf sollte das bequem für meine Jacke reichen.

Höchste Zeit für eine solide Maschen- und Musterprobe.

Ok, erst Umzug… wir lesen uns wieder, dann aus dem neuen Heim in NRW.